
Ein schönes Motto – aber was bedeutet es eigentlich? Was heißt „schnell“? Und wie langsam ist zu langsam?
Wer allein segelt, kann selbst entscheiden, wann er aufbricht und wie schnell er unterwegs ist. Doch sobald eine Crew an Bord ist, bleiben Diskussionen nicht aus. Wie findet man also beim Segeln das richtige Tempo?
Am Anfang unserer Blauwasserfahrt bekam ich von einem Profiskipper eine WhatsApp-Nachricht mit diesem Spruch: SAIL FAST. LIVE SLOW.
Richtig schnell zu segeln war für uns damals keine Option. Als unerfahrene Segler waren wir jeden Abend einfach nur froh, wenn wir mit Kind (1,5 und 3,5), Kegel und Kahn im Hafen ankamen.
Das „langsame“ Leben – die sogenannte Auszeit – fühlte sich dagegen ziemlich schnell an. Es gab tausend Dinge zu erledigen (Boot, Haushalt 🙈😂).
Obwohl keiner von uns zur Arbeit ging, gab es immer etwas zu tun. Und wir mussten tatsächlich zügig vorankommen, um im September von den Kanaren aus mit der
ARC (Atlantic Rally For Cruisers) den Atlantik zu überqueren.

Als wir später mit mehreren Familienbooten in der Karibik unterwegs waren, merkten wir schnell, wie unterschiedlich Menschen segeln – unter welchen Bedingungen, bei welchem Wetter und auch, wie schnell oder langsam sie ihr Leben gestalten.
Während manche regelrechtes Inselhopping betrieben und versuchten, möglichst viele Inseln abzuklappern – selbst bei starkem Wind und ungemütlichen Wellen –,
blieben andere einfach ewig an einem Ort, in einer Ankerbucht. Sie lagen buchstäblich stundenlang am Strand.
Während die einen begeistert vom Schwimmen mit Schildkröten und Mantarochen erzählten, hielten andere so viel „Action“ für völlig übertrieben.

Damals fühlten wir uns hin- und hergerissen: Wem sollen wir uns anschließen?
Uns war gar nicht bewusst, dass jeder Mensch sein eigenes Segel- und Lebenstempo hat – und dass dieses Tempo keine Konstante ist. Es kann gut sein, dass man später mehr Lust auf Geschwindigkeit bekommt – oder weniger.
In drei Wochen kann man 2.500 Seemeilen zurücklegen oder auch nur 100. Beides haben wir bereits gemacht.
Sobald mehrere Menschen an Bord sind, wird es komplizierter. Oft gibt es innerhalb einer Familie oder Crew unterschiedliche Ansichten. Mittlerweile wissen wir:
Jedes Crewmitglied muss sich zunächst selbst darüber klar werden, unter welchen Bedingungen es den Hafen verlassen möchte.
Und wenn es dann noch gelingt, diese Vorstellungen freundlich und verständlich mit den anderen zu teilen, findet man mit Sicherheit das richtige Segel- und Lebenstempo.

Bestimme vor der Fahrt:
• Bei welcher Wettervorhersage verlasse ich den Hafen?
Ganz konkret: Windstärke, Windrichtung, Wellenhöhe, Wellenfrequenz und andere Faktoren.
• Wann wird gerefft? Ab wie viel Knoten?
• Was machen wir, wenn …?
Es ist äußerst wichtig, das Verhalten in Notfällen und schwierigen Situationen vorab zu besprechen – immer und vor jedem Segeltörn.
Auch wenn die Kinder dann jede Stunde „Feuer!“ schreien und mit ihrer Feuerwehrmann Sam-Ausrüstung imaginäre Brände löschen.
Unsere Begeisterung hielt sich zwar in Grenzen, aber ohne Kinder wäre es an Bord doch ziemlich langweilig.
Vor der Fahrt sollte sich jeder auch darauf einstellen, dass die Wetterbedingungen anders sein könnten als geplant. Das gehört zum Segeln dazu.
Eins ist klar: Kompromisse sind unvermeidlich. Doch man sollte besonders dem weniger „abenteuerlustigen“ Crewmitglied entgegenkommen.
Jeder wächst mit der Zeit – sowohl als Persönlichkeit als auch als Segler – und traut sich mehr zu, wenn er gute Erfahrungen
sammelt. Wird man jedoch überfordert, wächst stattdessen die Angst.
Bei uns hat es Jahre gedauert, aber irgendwann pendelt es sich ein. Und ich persönlich würde mit niemandem lieber segeln als mit meinen drei tollen Männern. 😉
Das Wichtigste ist schließlich, dass an Bord eine gute Stimmung herrscht und sich jeder mit dem Tempo – sowohl beim Segeln als auch im Hafen – wohlfühlt.
Zum Schluss: Sail Fast, Live Slow.
